Das Theaterst?ck unseres Literaturkurses war einfach gestrickt. Kriminalkom?die, Englisches Landhaus, Ende des 19. Jahrhunderts, Eltern m?ssen aus dem Haus, schwuler Sohn allein, viel Verwirrung, G?ste, Verr?ckter, ahnungsloser Sherlock Holmes, gro?e Aufl?sung und das war’s schon. Nat?rlich ist Verwirrung allein nicht lustig, ?ber lustige Nachnahmen oder kleine Wortspiele kichert sowieso keiner, Anspielungen auf bekannte Geiger klappen ebenfalls nicht. Deswegen musste der Sohn des Hauses schwul sein.
Unser Hauptdarsteller hat den schwulen Sohn nie allzu ?bertrieben gespielt. Leicht nasale Stimme, t?nzelnder Gang mit viel H?fte, Hang zur Farbe Pink. Diese grundlegenden Klischees, die man aus Funk und Fern kennt, bediente er vorz?glich. Ein Vergleich mit Herbigs “Traumschiff Surprise” oder den etlichen Schwulensketchen der niveauarmen deutschen Fernsehkom?dianten w?rde trotz allem nicht richtig z?nden. ?bertriebene Schminke, auff?llige Kleidung lie?en wir ebenfalls weg. Ein wei?es R?schenhemd, schwarze Hosen und ein pinkes Halstuch war alles, was ihn ?u?erlich zum Schwulen werden lie?. Ich m?chte nicht sagen, dass er einen schlechten Schwulen spielte. Stattdessen m?chte ich betonen, dass er das Schwulenklischee auf das Mindeste reduzierte.
Trotzdem reichte es, damit die Menge lachte. Die letzte M?glichkeit des St?ckes, um die Zuschauer zu am?sieren, war der schwule Sohne. Und diese M?glichkeit war genau die richtige, damit die Leute auf ihre St?hlen immer wieder in minutenlanges Gel?chter ausfallen. Dabei war zuletzt ein Ziehen an seinem pinken T?chlein genug.
Hauptsache war es, dass die Leute lachten, sich am?sierten, dass es ihnen, dass es uns gefiel. So kam es auch. Tats?chlich hatten wir sehr viel Spa? und es war eine wundervolle Erfahrung auf der B?hne zu stehen. Das bereue ich auf keinen Fall. Dennoch ersch?ttert mich die Tatsache. Die Tatsache, dass es unbedingt einen Schwulen braucht.
Es braucht einen Schwulen, damit Menschen lachen.
Vielleicht sehe ich die Sache zu ernst. Aber ist es nicht einfach bizarr, dass dieses von den Medien gesponserte Klischee eines Schwulen, welches nat?rlich nichts mit der Realit?t gemeinsam hat, dazu ausreicht Hunderte zum Lachen zu bringen. Schwule lachen wahrscheinlich selbst dar?ber. Es ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Klischee eine Form der Sexualit?t, eine Kultur, eine Gruppe von Menschen angreift. W?re der Schwule ein Ausl?nder gewesen, h?tte niemand gelacht. Proteste w?re wahrscheinlich gewesen. W?re der Schwule ein Neonazi gewesen. Okay, ich h?tte mich kaputt gelacht, aber sonst wohl kaum jemand. Die Fraktion aus der Nachbarstadt w?re sicherlich am Start gewesen.
Schwule und ihre angeblichen Eigenschaften, ihr Klischee werden also dahingehend relativiert, dass es kein Problem mehr ist, wenn Leute dar?ber lachen. Es sind ja nur Schwule. Nur Menschen. Wie kann man aber immer noch ?ber ein solch ausgeleiertes und verlogenes Klischee lachen? Wie arm ist diese Menge, die ein wenig schwul in der heutigen Situation, wo sie eigentlich tagt?glich mit dem Klischee konfrontiert werden, derart lustig findet?
Vielleicht sehe ich die Sache zu ernst. Aber so oder so bleibt mir ein mulmiges Gef?hl im Magen, wenn ich dar?ber nachdenke.