Monatliches Archiv: Oktober 2009

H.

H. und ich waren in der Grundschule in der gleichen Klasse. Zusammen mit J. waren wir die einzigen Schüler, die nur einen kurzen Weg von der Schule nach Hause hatten. Denn wir Drei wohnten im unbeliebteren Viertel der Stadt, während unsere Mitschüler aus den Dörfern und Vororten kamen. Ich war zum Beginn meines dritten Schuljahres aus einem 350 Seelen Dorf in Niedersachsen in die Stadt gezogen. Zuvor gab es keine Geschäfte und keine Dorfkneipe, aber eine kleine Grundschule. Zuvor hatte ich genau 6 Mitschüler und diese Zahl hatte sich mit der neuen Klasse glatt verfünffacht.

Ich weiß noch wie ich nach dem ersten Halbjahr auf der neuen Schule mal wieder zusammen mit J. nach Hause ging und danach beim Mittagessen meine Mutter fragte, ob es für sie okay ist, wenn ich mit Jürgen, einem Deutschrussen, befreundet bin. Auf diese Frage war meine Mutter völlig verwirrt und erklärte mir, dass es keinen Unterschied zwischen mir und Jürgen gibt. Ich kann natürlich mit jedem befreundet sein, egal woher er kommt,  sagte sie.

In meiner vorigen Klasse gab es Kinder mit allerlei Hintergründen und eine Frage nach der Nation oder ähnlichem hat sich niemals gestellt. Es war selbstverständlich, dass wir alle anders aussahen und teilweise fremde Sprachen beherrschten. Von so etwas wie Rassismus hatte ich noch nie gehört. In der neuen Schule war das alles irgendwie anders. Hier kam es auch drauf wer den schönsten und vor allen Dingen teuersten Toni hatte.

Vor einigen Wochen war ich meiner Stammkneipe und es gab dort dieses Konzert. Ich war schon angetrunken, stand hinter den Mischpulten und beobachtete das Geschehen aus Entfernung, als ein Typ in die Kneipe kam, der auf seinem Weg durch die Menge allerlei Besucher anrempelte und anscheinend eher mit sich beschäftigt war, als mit allem was drumherum passierte. Kaum eine Minute später tanzte er ohne jeglichen Rythmus auf einem Tisch für ein paar Sekunden auf die Musik und nuschelte dabei unverständliches Zeug, um kurz darauf wieder herunter zu springen und nach draußen zu verschwinden.

In der nächsten halben Stunde war der Typ nicht mehr zu sehen, doch von Vielen hörte ich, dass er wohl ziemlich “auf Droge” sein soll. Bald darauf ging er vor der Tür des Lokals an mir vorbei und mein erster Eindruck konnte den Eindruck der Anderen nicht leugnen. Riesiege dunkle Pupillen zierten seine Augen und sein Genuschel gab keinen Sinn. Zumindest bis er vor mir stehen blieb und mich ansprach.

“Sind wir nicht auf die gleiche Grundschule gegangen? Warst du nicht auch auf der Promenadenschule?”
Ich verneinte.
“Doch doch, ich kenne dich von früher. Wie war dein Name noch mal? David?”
Ich verneinte nochmals.
“Ahh, jetzt weiß ich es wir waren zusammen auf der GGS Nord. Kennst du mich nicht mehr?”
Ich überlegte und mir wurde klar, dass es nur H. sein kann.
“Ich bin’s, H.”

Ich erkannte ihn, sagte ihm meinen richtigen Namen und er wusste wer ich war. Der Rest war Smalltalk zwischen “Weißt du noch damals auf der Klassenfahrt […]” und “Was machst du denn hier?”. Alles in allem hatte das kurze Gespräch alles andere als einen geraden Verlauf und es mir wurde klar, dass H. irgendeinen Scheiß eingeworfen hatte durch den er verwirrt und paranoid erschien. Wir verabschiedeten uns nach diesen fünf Minuten mit einem “Mach’s gut” und darauf verschwand H. richtung Innenstadt, während ich verwirrt stehen blieb.

Während des Gesprächs hatte H. kurz inne gehalten und mir etwas wichtiges anvertraut. Er sagte, ich sei anders gewesen als der Rest unserer Mitschüler. Er meinte, ich hätte nicht auf seine Herkunft geachtet wie die anderen und ihn nicht als den Türken bezeichnet. Ich soll nicht zu ihm gesagt haben, dass er stinkt.

Bis heute kann ich mich an so etwas nicht erinnern. Vielleicht erzählte H. mir von Geschehnissen aus den ersten zwei Jahren in dieser Klasse in denen ich nicht einer seiner Mitschüler war. Vielleicht ist es eine Geschichte, die H. sich ausgedacht hat, damit er sich als Opfer der Gesellschaft positionieren kann. Vielleicht ist die Geschichte aber auch wahr.

Was zu meiner Verwirrung beitrug, war der Schock dieser Begegnung. H. war genau so alt wie ich und hatte zu einem großem Teil seine Kindheit im gleichen Milieu verbracht. Und jetzt rannte er auf Drogen durch die Kneipe und pöbelte wahllos Leute an. Viele meiner anderen Mitschüler aus der Grundschule kenne ich noch heute, einige von Ihnen sind auch trotz der Herkunft aus “gutem Hause” abgerutscht und bauen nur noch Scheiße. Doch der Großteil hat genauso wie ich in diesem Jahr Abitur gemacht oder befindet sich in einer Ausbildung.

H. habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen und nun scheint er ebenfalls auf der Seite derer zu stehen, die keinen Erfolg hatten und stattdessen Scheiße bauen. Und verdammt sowas gibt mir einfach kein gutes Gefühl.

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Groundwork


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Fassaden

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Mit meinen fünf Fotos für die Ausstellung und zum Thema Fassaden habe ich die Geschichte von Pier wieder aufgegriffen. Mein Ziel war es dieses Mal den langsamen Verfall und die stille Atmosphäre innerhalb des Dorfes den klaren Strukturen der Gebäude und ihrer Fassaden gegenüber zu stellen. Jetzt, nach der Ausstellung, gibt es das Ganze auch im Netz!

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