Irgendwie begreife ich diese Geschichte noch nicht ganz, aber versuchen wir es einfach mit der Kompensation durch ein paar Tastenanschlägen hinein in dieses leere Textfeld.
Wie vorhin per Twitter verkündet war ich noch für ein paar Stündchen im örtlichen KuBa, obwohl dort aufgrund eines Auftritts von Peilomat inklusive Elton die Hölle los war. Die Band ist stinklangweilig und ich sehe es nicht ein Elton irgendwie total besonders zu finden. Die restliche Belegschaft sah das ganz anders, verrenkten sich ihre Nackenwirbel und hantierten mit ihren Fotohandys herum, wenn der Mann mit dem dezenten Bauchansatz durch die Kneipe schlenderte und zum Tanzen auf Rage Against The Machine animiert wurde.
Doch eigentlich geht es hier nicht um Eltons sagenhaften Besuch unser edlen Kleinstadt, denn was soll man da nicht begreifen. B-Promi in der Stadt. Läuft.
Viel mehr geht es um diesen kleinen Typen, der auf der Straße vor unserer Wohnung stand als ich gerade dazu ansetzte das Auto in der Garage unterzubringen. Mein erster Gedanke war: “Komm von der Straße runter, du Idiot!”
Kaum hatte ich den Motor ausgemacht, um auszusteigen und die Garage zu öffnen, stand der Typ schon vor mir und fing an in gebrochenem Deutsch seine Geschichte herunterzurasseln: Er ist Rumäne und fuhr irgendwie nach Amsterdam, um dort zu arbeiten. In Amsterdam gab es jedoch keine Arbeit für ihn, sodass er sich nun auf dem Rückweg nach Rumänien befindet. Da er keinerlei Geld hat, versuchte er es mit dem Trampen, indem er an Tankstellen LKW-Fahrer nach einer Mitfahrgelegenheit fragte. In Jülich ist er gelandet, weil irgendein Jugoslawe ihn ab der deutsch-holländischen Grenze mitgenommen und dann einfach an der Abfahrt Jülich-Nord abgesetzt hatte. Weiterhin schilderte er, dass er schon einige Kilometer gelaufen war und nun absolut keine Ahnung hatte wie er wieder aus unserem Kaff herauskommt.
Ich hörte ihm sicherlich an die zehn oder fünfzehn Minuten zu, sah wie er seine Geschichte mit Händen und Füßen verdeutlichte und war einfach nich in der Lage ihn zu unterbrechen. Er wollte kein Mitleid erregen, sondern verdeutlichte einfach nur, wie er in Jülich gestrandet ist und vor allen Dingen wie es dazu kam. Er fragte ganz einfach nach “ein weng Hife. Bittschön.”
Meine anfängliche Vorsicht gegenüber dem Unbekannten schwand langsam dahin, während mein Interesse stieg. Vor allen Dingen beschäftigte mich die Frage, wie ich ihm helfen konnte. Diese Frage sprach ich nach einigen weiteren Minuten aus, worauf er entgegnete, er müsse zurück zur Autobahn. Gleichzeitig fing er wiederum an zu erzählen, dass ihn der Jugoslawe einfach auf der Autobahn abgesetzt hatte und dass er dort natürlich nicht bleiben konnte. Stattdessen bräuchte er eine Tankstelle. Am besten zurück auf die A4, denn er wollte zurück nach Aachen oder weiter nach Köln.
Ich begann damit ihm den Weg zur nächstgelegenen Raststätte an der A44 zu erklären, denn bis dahin waren es nur ein paar Kilometer. Nach ein paar Sätzen kam jedoch heraus, dass er bereits dort gewesen war und abgewiesen wurde. Also begann ich nach weiterem Hin und Her den Weg zum Jülicher Bahnhof zu erklären, was natürlich eher verwirrend für einen Rumänen klingen muss.
Kurz entschlossen und mit einer gehörigen Portion blinden Vertrauens fuhr ich ihn mit dem Auto zum Bahnhof. Außerdem gab ich ihm das Versprechen, dass dort in ein paar Stunden ein Zug nach Düren fahren würde, was an der A4 liegt und eine richtige Zugverbindung in die beiden Großstädte hat. Während der Fahrt durch die verzweigten Straßen einiger Wohnviertel, am Krankenhaus vorbei, über die Hauptstraße immer weiter zum Bahnhof, fragte der mittlerweile nicht mehr ganz so Unbekannte, wie ich den eigentlich heiße, worauf ich ihm sagte, dass ich Daniel bin. Er ist Erik.
Erik ist 35 Jahre alt und ich antwortete ihm auf seine nächste Frage, dass ich 19 bin. Außerdem verriet ich ihm auf weitere Fragen antwortend meine Pläne für die nächste Zeit: Abitur, Zivildienst, Studium. Spätestens hier tat Erik mir wirklich Leid und das lag nicht etwa an seiner Erscheinung, seiner Geschichte, sondern einfach an den Unterschieden und der Tatsache, dass ich es verdammt gut habe. Er nicht. Vielleicht selbst verschuldet, aber scheiß drauf. Es ist so.
Am Bahnhof angekommen führte ich ihn zum Gleis. Wir schauten nach, wann der nächste Zug fährt und erkannten, dass Erik mindestens fünf Stunden warten musste bis er sich ohne Ticket in die Rurtalbahn setzen konnte. Ich empfahl ihm sich in der Kneipe im KuBa etwas aufzuwärmen, worauf er fragte, ob er dort einen Kaffee bekommen könnte. Sicherlich könnte er das, aber als er fragte, ob das auch ohne Geld ginge, konnte ich ihm nur entgegnen, dass er nachfragen sollte. Eigentlich seien es nette Leute, sagte ich, obwohl ich wusste, dass die Chancen auf einen Rauswurf groß waren. Außerdem hatte die Kneipe sicherlich kaum mehr zwei Stunden geöffnet.
Letztendlich verabschiedeten wir uns an diesem Punkt voneinander, obwohl ich ihm gern weitergeholfen hätte. Leider hatte ich keinen Cent mehr in der Tasche und so gab ich ihm nur einen Händedruck und von ganzem Herzen viel Glück auf seiner Reise zurück ins Heimatland.
Was ich noch alles für ihn hätte tun können, wurde mir erst viel zu spät klar. Ich hätte ihm etwas zu Essen geben oder an der Bank einen Fünfer für ihn holen können. Oder ich hätte ihn direkt nach Düren fahren können. Ohne jegliche Probleme. Denn wenn ich ihn schon bis zum Jülicher Bahnhof gefahren hatte, hätten die 20km bis Düren auch keinen Unterschied mehr gemacht. Ich hätte tun, machen, können, sollen. Ich weiß es nicht.
Vielleicht war es gut genug sich seine Geschichte anzuhören und wenigstens ein wenig weiterzuhelfen, vielleicht war es auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht, vielleicht. Scheiß drauf. So oder so fühle ich mich schlecht, wenn ich in meinem beheizten Zimmer, am edlen Schreibtiscn sitze und diese Worte in die Tastatur im Wert von 50€ hämmere.
Viel Glück Erik. Du warst meine Prominenz an diesem Abend.